Leseprobe „Tödliches Serum“

 

Kapitel 1

Dr. Harald Fechner öffnete die Tür und schloss geblendet von den Strahlen der Sonne für einen Moment die Augen. Etwas Warmes, Flauschiges streifte seine nackten Beine. Automatisch warf er einen Blick nach unten.
»Na, Chipsy, gut geschlafen?« Er bückte sich und kraulte den getigerten Kater hinter den Ohren. Der antwortete mit einem freundlichen Schnurren und genoss die Streicheleinheit. Kurz schmiegte er sich in die Hand, ehe er drei Schritte nach vorn machte und die Milchflasche musterte, die der Bote der Molkerei verlässlich wie jeden Morgen vor der Haustür abgestellt hatte.
Fechner erhob sich und griff nach der Flasche. »Du hattest doch erst dein Frühstück, Chipsy«, meinte er und lachte. »Später bekommst du auch einen Schluck, okay? Du weißt, dass Frauchen das nicht mag, wenn ich dir unsere Milch gebe.« Er zwinkerte verschwörerisch. Andererseits war Frauchen im Urlaub und kam erst morgen zurück. Nicht nur der Kater genoss die Ruhe.
Mit großen Augen blickte der hinauf und miaute protestierend, als offensichtlich war, dass Herrchen jetzt nicht teilen würde. Dann wandte er sich beleidigt ab und stolzierte mit erhobenem Haupt die drei Treppenstufen hinab in den Vorgarten, wo er unter einer Hecke verschwand.
Kopfschüttelnd sah Fechner ihm nach. Für einen Augenblick reckte er die Nase genießerisch in die noch kühle Morgenluft und gönnte sich einen Moment des Durchatmens. Er hatte noch ein wenig Zeit, ehe er in die Praxis musste.
Er seufzte, drehte den Verschluss der Milchflasche auf und nahm einen großen Schluck. Frauchen mochte auch das nicht, dachte er und grinste in sich hinein. Um genau zu sein, hasste sie es, wenn er aus der Flasche trank. Trotzig nahm er einen weiteren Schluck und setzte den Deckel wieder auf.
Pfeifend marschierte er die Treppe hinunter und zog die Zeitung aus dem Briefkasten. Konnte ein Morgen schöner beginnen als mit Sonnenschein und Ruhe?
Er warf einen Blick auf Chipsy, der unter der Hecke ausharrte. Still wie eine Statue lauerte er einer Amsel auf, die sich vorwitzig in seine Nähe gewagt hatte. Fechner wusste, dass das nichts brachte. Chipsy war zu alt und zu bequem, um sich sein Futter selbst zu holen. Trotzdem tat er gern, als wäre er ein gefährlicher Kater.
Fechner ging zurück ins Haus, ließ die Tür aber einen Spaltbreit offen, damit Chipsy wieder hereinkonnte, wenn er wollte. In der Küche legte er die Zeitung auf den Tresen und nahm ein Glas aus dem Schrank, das er großzügig mit Milch füllte. Die gute Erziehung seiner Frau färbte auf ihn ab. Nach fünfundzwanzig Jahren Ehe durfte man das auch erwarten.
Er trank beinahe die Hälfte, ehe er den Kaffeeautomaten einschaltete, damit er Betriebstemperatur hatte, wenn er aus der Dusche kam. Automatisch überflog er die erste Seite der Zeitung nach Artikeln, die ihm interessant erschienen. Ein Minister war wegen privater Flüge in Regierungsmaschinen zurückgetreten, in Kabul war eine Autobombe explodiert und sein Lieblingsverein musste sechs Wochen auf einen Abwehrspieler wegen eines Kreuzbandrisses verzichten.
Er rümpfte die Nase. Nach sechs Wochen wollte der Mann wieder auf dem Platz stehen? Und dann wunderten sich die Sportler, wenn sie im Alter Probleme mit den Gelenken bekamen.
Verständnislos legte er das Blatt zur Seite und ging nach oben. Unter der Dusche überlegte er, wie der heutige Tag ablaufen würde. Vormittags die U-Untersuchungen bei den kleineren Kindern und ein paar Impfungen. Glücklicherweise war die Grippewelle vorüber und auch sonst war es ruhig im Moment. Solange, bis ein neues Magen-Darm-Virus die Kindergärten und Grundschulen heimsuchte, dachte er mit einem Anflug von Ironie.
Einen Augenblick später fragte sich Fechner, ob er zur Abwechslung der Patient werden würde. Unvermittelt überkam ihn ein leichter Schwindel. Hatte er etwas mit Kreislauferkrankungen zu tun gehabt am gestrigen Tag? Er konnte sich nicht daran erinnern. Auch das Luftholen fiel ihm schlagartig schwer.
Unwirsch schüttelte er den Kopf. Das konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Morgen kam seine Frau aus dem Urlaub zurück und seine Praxis wollte er auch nur ungern schließen.
Vielleicht bin ich nur zu schnell aufgestanden, beruhigte er sich und trat aus der Dusche, um sich abzutrocknen. Wie es schien, vergingen die Beschwerden wieder. Doch als er den Rasierapparat ansetzte, durchzuckte es ihn erneut. Sein Spiegelbild verschwamm vor seinen Augen und ihm war, als schnüre ein breites Band seinen Brustkorb zu und hindere ihn am Atmen. Gleichzeitig machte sich Übelkeit breit.
Fechner stützte sich auf dem Waschbecken ab und überlegte, was er tun könnte. Als Arzt wusste er, dass die Alarmzeichen auf Rot standen. Zwar hatte er mit dem Herzen bisher keine Probleme gehabt, aber Infarkte kündigten sich nicht selten so an.
Sein Körper gönnte ihm einen kurzen Moment der Ruhe und er schaffte es, sich anzuziehen. Doch als er nach unten ging, musste er sich am Treppengeländer abstützen, so heftig traf ihn die erneute Welle.
Nur mit Mühe schaffte er es in die Küche, wo das Telefon auf dem Tresen neben dem Milchglas lag. Er sah nur noch verschwommen und die Atemnot ließ ihn panisch werden. Beim Versuch, nach dem Hörer zu greifen, langte er daneben und stieß das Glas um. Der Inhalt ergoss sich über die durchsichtige Platte und tropfte nach unten auf den Boden, während das Glas weiterrollte, dem Rand entgegen. Fechner hielt sich krampfhaft an der Arbeitsplatte fest und schnappte verzweifelt nach Luft.
Der Schwindel sorgte dafür, dass ihm schwarz vor Augen wurde, dann knickten die Beine weg und er sank zu Boden. Als er mit dem Kopf aufschlug, hatte er bereits das Bewusstsein verloren.
Er merkte nicht, dass sich Blut aus einer kleinen Platzwunde mit der am Boden verteilten Milch mischte. Ebenso wenig hörte er Chipsy, der zur Tür hereinkam und leise miaute. Langsam kam er näher, schnupperte an seinem Herrchen und leckte ihm über das Gesicht, ehe er die Köstlichkeit entdeckte, die sich einem See gleich ausbreitete. Und von oben kam mehr! Chipsy kümmerte sich nicht mehr um sein Herrchen, das am Boden lag, und schleckte stattdessen mit Hingabe die Milch auf.