Donnerstag


»Meine Frau ist tot, aber ich habe sie gesehen.« Er rutschte auf dem Stuhl hin und her und suchte meinen Blick. Sein Kaffee musste längst kalt geworden sein. »Das hört sich verrückt an, ich weiß. Aber Sie müssen mir glauben!« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, in seinem Blick ein stummes Flehen.

  Ich betrachtete mein Gegenüber genauer und versuchte, etwas in seinem Erscheinungsbild zu finden, das darauf hindeutete, dass er ein psychisches Problem hatte.

  Tobias Kohler hatte dunkelbraunes, fast schwarzes Haar, das modisch zur Seite gekämmt und kurz geschnitten war. Ebenmäßige Gesichtszüge, eine fein geschwungene Nase. Er trug einen gut sitzenden Anzug, Hemd und Krawatte. Nur sein Gesicht passte nicht in das Erscheinungsbild. Falten hatten sich eingegraben, die zu tief für sein Alter waren. Die Augen wirkten wässrig und sein Kinn zierten Bartstoppeln, die nicht zu seinem gepflegten Äußeren passten.

  Ich seufzte. Das fehlte noch, dass ich es mit einem Verrückten zu tun hatte. Ich hatte mit mir selbst genug zu tun und von Psychotherapeuten erst einmal die Nase voll.

  »Bitte, Sie müssen mir helfen!«, unterbrach er die Stille.

  Ich schenkte mir Kaffee nach, um Zeit zu gewinnen. »Okay, halten wir mal fest«, sagte ich und zückte meinen Stift. Wenn ich die Sache rational anging, merkte er vielleicht, dass das absurd war. »Ihre Frau ist tot.«

  Er nickte und ich zweifelte keinen Moment, als ich ihm ins Gesicht sah. »Sie ist bei einem Tauchunfall im Bodensee ums Leben gekommen. Anfang April.«

  »Aber jetzt glauben Sie, dass Sie sie gesehen haben?«

  »Ich glaube es nicht, ich weiß es!« Er beugte sich zu mir herüber und legte die Handflächen auf den Tisch. »Hier in Ulm auf dem Weihnachtsmarkt.«

  Ich merkte, wie Mitleid in mir hochkroch. Die Verzweiflung, mit der er darauf pochte, zeigte mir, wie ernst es ihm war. Ich unterdrückte ein Seufzen.

  »Sie kommen aus Köln?«

  Wieder ein Nicken. »Meine Frau auch.«

  »Und Sie sind sich wirklich sicher?«

  Er sprang auf. »Natürlich bin ich sicher!« Wie ein Tiger im Käfig ging er einige Schritte auf und ab, bevor er stehen blieb und die Augen schloss. Dann setzte er sich wieder. »Entschuldigung, das nimmt mich alles ziemlich mit.«

  »Das glaube ich Ihnen«, murmelte ich und versuchte, ruhig zu bleiben. Ich wusste, wie es war, jahrelang einem Hirngespinst nachzujagen. Trotzdem fragte ich mich, ob er bei einem Psychiater nicht besser aufgehoben war als bei einer Privatdetektivin.

  »Fangen wir am Anfang an. Wie genau ist Ihre Frau ums Leben gekommen?«

  Wieder fuhr er sich mit der Hand durch das Haar und warf sich im Stuhl zurück. »Himmel, Frau Flemming, wenn ich das nur wüsste«, brach es aus ihm heraus. »Sie musste ja unbedingt diesen verdammten Tauchschein machen. Wir wollten Urlaub in der Karibik machen.«

  Als Leiter einer Bankfiliale verdiente man offenbar ganz gut. Vermutlich besser als ein angestellter Privatdetektiv, fuhr es mir durch den Kopf. Ich rief mich zur Ordnung. An den Gedanken, dass ich Geld hatte, hatte ich mich noch nicht gewöhnt. Vielleicht lag es daran, dass es mir nicht gehörte. Ich räusperte mich.

  Kohler löste die Faust, die kurze Zeit über dem Tisch geschwebt hatte. Er atmete tief durch, ehe er ruhiger fortfuhr. »Silvia hatte sich in den Kopf gesetzt, im Urlaub zu tauchen. Hätte ich nur nie zugestimmt!«

  Für einen Moment fürchtete ich, dass er in Tränen ausbrechen würde, aber er fing sich. »Sie hat den Tauchschein in Köln gemacht. Zehn Übungsstunden in Theorie und Praxis, dann hat sie noch zwei oder drei Tauchgänge in einem Baggersee absolviert, bevor sie den Schein gemacht hat. Um nicht aus der Übung zu kommen bis zum Urlaub, sind wir für ein paar Tage an den Bodensee gefahren. Meine Frau war als Kind oft mit ihren Eltern dort und kennt sich recht gut aus.«

  Ein bisschen kannte ich mich auch aus. Der Bodensee war nicht weit weg von Ulm und ich wusste, dass er kein einfaches Tauchrevier war. Immer wieder hörte man von Unglücksfällen, bei denen Taucher ums Leben kamen.

  »Wo waren Sie denn?«

  »In Wallhausen. Sie wollte in der Katharinenschlucht tauchen.«

  »Und was ist dort passiert?«

  Jetzt lief doch eine Träne über seine Wange. Er schluchzte auf und kramte nach einem Taschentuch. »Entschuldigung.«

  »Sie müssen sich für nichts entschuldigen.« Ich legte so viel Wärme in meine Stimme, wie ich konnte. Spontan beschloss ich, ihm zu helfen. Wie auch immer ich das anstellen wollte. Es war verrückt, weil ich an den Tatsachen nichts ändern konnte. »Möchten Sie lieber eine Pause machen?«

  Er schüttelte den Kopf und schnäuzte sich. Erstaunlich gefasst sprach er weiter: »Sie hatte unter Wasser vermutlich eine Panikattacke. Und anstatt einfach dem Tauchlehrer Bescheid zu geben und aufzutauchen, ist sie immer tiefer getaucht.«

  »Und der Tauchlehrer ist ihr nicht gefolgt?«

  »Er konnte nicht. Er hatte etwas anderes in seiner Atemflasche. Er konnte damit nicht so tief tauchen.«

  Ich runzelte die Stirn.

  »Er hat sie gesehen, wie sie immer tiefer getaucht ist. Dann muss sie eine Art Tiefenrausch bekommen haben, zumindest vermutet das die Polizei. Sie ist nicht mehr aufgetaucht. Sie war weg. Einfach verschwunden. Im Bodensee.«

  »Wie tief ist es an der Stelle?«

  »Bis zu vierzig Meter.«

  »Hat man nicht nach ihr gesucht?«

  Sein Kopf zuckte hoch. »Natürlich! Wir haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, als der Tauchlehrer wieder oben war. Suchmannschaften waren den ganzen Tag unterwegs. Sie haben die Umgebung rund um die Unfallstelle abgesucht. Auch die Strömung haben sie mit einberechnet und das Gebiet in den nächsten Tagen erweitert. Aber sie haben sie nicht gefunden. Nur ihre Taucherbrille wurde später gefunden. Das Band war gerissen.«

  Einen Menschen zu verlieren, war immer schrecklich. Aber es mitzuerleben, war furchtbar. Ich hatte mitansehen müssen, wie mein Vater ermordet worden war.

  Ich schluckte und versuchte, mich von meinen eigenen Emotionen zu befreien. Ich beschloss, den Unfall vorerst nicht mehr anzurühren. Sicher gab es offizielle Berichte, die ich einsehen konnte. Den Rest musste ich mir irgendwie aneignen. Was das Thema Tauchen anbelangte, beschränkte sich mein Wissen auf Fische gucken unter Wasser. Ich hatte keine Ahnung von Atemgemischen und Tiefenrausch.

  »Okay, und was ist dann passiert?«, wollte ich wissen, als ich mir sicher war, dass meine Stimme wieder gehorchte.

 Einen Moment zögerte er und rührte mit dem Löffel in der Tasse, obwohl er zuvor weder Zucker noch Milch hineingegeben hatte. »Ich habe meine Frau in einem Fernsehbeitrag gesehen«, brach es schließlich aus ihm heraus. »Es kam ein Bericht in einem Kölner Regionalsender über Weihnachtsmärkte in Deutschland. Eine Woche lang wurde jeden Abend ein anderer vorgestellt. Sie haben sich dabei auf die kleineren Märkte konzentriert. Nicht immer nur Nürnberg und Aachen oder so. Und letzte Woche am Freitag war der Ulmer Weihnachtsmarkt dran. Weil er so schön liegt.«

  Das stimmte. Ein überschaubarer kleiner Weihnachtsmarkt am Fuße des Ulmer Münsters. Mit seinen Düften nach Glühwein und gebrannten Mandeln beschwor er die richtige vorweihnachtliche Atmosphäre herauf. In diesem Jahr war ich noch nicht dort gewesen, weil ich mit so vielen Menschen an einem Ort noch meine Probleme hatte. Ich wusste, dass ich mich überwinden sollte, sonst war die Therapie umsonst gewesen. Aber heute musste ich damit nicht anfangen.

  »Es war nur eine kurze Sequenz. Sie hatte einen Reinigungswagen bei sich und ist an einem der Stände vorbeigelaufen. Aber sie war es! Ganz bestimmt.«

  »Haben Sie ein Band davon?«

  »Das habe ich mir sofort nach dem Bericht besorgt. Zuerst dachte ich, dass sie es in der Mediathek hätten, aber es gibt keine. Also habe ich angerufen. Der Sender hat mir den Bericht freundlicherweise zur Verfügung gestellt.« Er fasste in die Innentasche seiner Anzugjacke und holte einen USB-Stick hervor. »Wenn wir an einen Computer können, zeige ich es Ihnen.«

  Ansehen konnte ich mir das Tape. Was Kohler erzählte, klang mysteriös. Vermutlich gab es eine ganz einfache Erklärung dafür. Eine Verwechslung oder Wunschdenken.

  Ich stand auf, um aus meinem Büro den Laptop zu holen. An der Tür drehte ich mich um. »Warum waren Sie nicht bei der Polizei?«, wollte ich wissen und merkte im selben Augenblick, dass ich mit meiner Frage in ein Wespennest gestochen hatte.

  Kohler fuhr auf, sein Gesicht verfinsterte sich. »Hören Sie mir bloß mit denen auf! Die glauben mir nicht. Sie meinen, das Video sei nicht deutlich genug. Sie haben nichts gemacht. Überhaupt gar nichts.«

  Das war seltsam. Normalerweise wurde so etwas aufgenommen und dann ermittelt. Ob das Video etwas zeigte oder nicht. Davon konnte ich mich gleich überzeugen. Ich nickte und verschwand in meinem Büro, um den Laptop aus der Dockingstation zu nehmen. Bis das Gerät hochfuhr, tranken wir schweigend unseren Kaffee, und ich machte mir ein paar Notizen zu unserem Gespräch. Schließlich war der PC betriebsbereit. Ich schob den Stick hinein, um den Media Player zu öffnen. Wie gebannt saß Kohler vor dem Bildschirm, und ich war nicht minder neugierig, als ich den Film startete. Es gab ein kurzes Intro, das im Schnelldurchlauf einige Weihnachtsmärkte, Glühweinstände und lächelnde Verkäufer zeigte. ›Leise rieselt der Schnee‹ dudelte im Hintergrund. Ich schauderte nur kurz. In Ulm hatte ich in diesem Jahr noch keine Flocke gesehen.

  Die Musik wurde leiser und die Stimme eines Mannes ertönte. Er sprach im Plauderton von den Vorzügen des Ulmer Weihnachtsmarktes. Allein wegen des höchsten Kirchturmes der Welt sei der Markt einen Besuch wert. Er wäre klein, aber in seiner heimeligen Idylle sehenswert. Die Stände seien hübsch, das Personal freundlich und die angebotenen Spezialitäten von kulinarischem Genuss. Es gäbe nicht nur die berühmten Maultaschen, sondern auch Käsespätzle.

  Ich biss mir auf die Unterlippe beim Wort ›Käsespätzle‹. Nur ein Nicht-Schwabe brachte es fertig, ›Käsespätzle‹ mit der Betonung auf Käse zu sagen. Bei uns waren das schlicht Kässpätzle, auf dem Land gern auch einmal Kässpatzen.

  Einzelne Passanten kamen zu Wort, die mit freudestrahlendem Gesicht und vom Glühwein oder der mittlerweile obligatorischen Feuerzangenbowle geröteten Wangen erzählten, warum sie gern hier waren. Schwaben wie Touristen gleichermaßen.

  »Da, sehen Sie!«, schrie Kohler plötzlich und sprang auf.

  Ich zuckte zusammen.

  »Da, da hinten!« Hektisch fuchtelte er mit dem ausgestreckten Zeigefinger herum. Die Kamera schwenkte schon wieder durch die vollen Gänge des Marktes.