Freitag

 

Kapitel 1


Vergnügt warf Hannah die Haustür hinter sich ins Schloss und trat auf die Straße. Für April war es erstaunlich warm und die Sonnenstrahlen strichen wie ein Versprechen über ihre Haut.

  Sie vergewisserte sich, dass sie ihren neuen Bikini eingepackt hatte. Er war von kräftigem Rot und betonte ihre schlanke Gestalt. Was Marcel wohl sagte, wenn er sie darin sah? In den letzten Wochen waren sie sich näher gekommen und allein der Gedanke an ihn ließ ihr Herz Purzelbäume schlagen. Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als von ihm geküsst zu werden. Verliebt zu sein war herrlich! Es würde, ja, es musste ein perfekter Tag werden! Auch wenn sie sich vorerst mit dem Hallenbad begnügen mussten. Es dauerte nicht mehr lang, dann konnten sie wieder auf der Wiese im Freibad liegen.

  Hinter der dicken Thuja-Hecke zum Nachbargrundstück lief der Rasenmäher und auf der Straße war der Motor eines Autos zu hören. Sonst war es ruhig, wie meistens in dieser Wohngegend. Oder sterbenslangweilig, dachte Hannah und grinste in sich hinein. Sie würde im Zentrum wohnen, wenn sie auszog. Dort, wo das Leben tobte. Am besten in einer Penthouse-Wohnung mit Blick über die Dächer der Stadt.

  Sie war spät dran und überlegte nur einen Augenblick, ob sie die Abkürzung durch das Waldstück einschlagen oder den Umweg über die Straße in Kauf nehmen sollte. Wenn sie den Bus verpasste, musste sie einen anderen nehmen und einmal umsteigen. Damit dauerte die Fahrt fast eine halbe Stunde länger. Die Aussicht, abgehetzt und als Letzte im Schwimmbad einzutreffen, ließ sie auf den Feldweg treten.

  Es hatte geregnet in der Nacht und die Feuchtigkeit kroch im Schutz der Bäume über den Boden. Hier war es merklich kühler. Tief atmete sie die würzige Luft ein. Herrlich! In der Ferne zwitscherten Vögel und ein Specht pochte stakkatoartig an einen Baum. Vom fernen Lärm der Stadt war nichts zu hören.

  Die Bushaltestelle kam in Sichtweite. Zu gern hätte Hannah die angenehmen Temperaturen noch ein wenig genossen. Aber der Gedanke an Marcel überwog und sie beschleunigte ihren Schritt.

  Ein heruntergekommener Geländewagen stand am Straßenrand und sie sah ihn verwundert an. Nur selten verirrten sich Fremde hierher. Als sie auf gleicher Höhe mit dem Auto war, öffnete sich die Fahrertür.

  Sie warf einen überraschten Blick in das Gesicht des Fahrers, der ausgestiegen war und ihr den Weg versperrte. Er trug eine Schildmütze, die tief ins Gesicht gezogen war, sodass sie ihn nicht richtig erkennen konnte. Vermutlich wollte er nach dem Weg fragen, dachte sie und schüttelte ihr Unbehagen ab. Ein säuerlicher Geruch wehte zu ihr herüber. Ehe sie sich versah, packte der Mann sie am Oberarm.

  »Hey!«, machte Hannah empört, konnte aber nicht verhindern, dass Angst ihr den Rücken hinaufkroch. Sie riss sich los. Adrenalin schoss durch ihren Körper und ihr Herz schlug schneller, als er Anstalten machte, sie erneut anzufassen.

  Reflexartig drehte sie sich um und begann zu rennen. Schneller, immer schneller. Nur fort von hier, weg von dem Wagen und dem Mann! Die Umhängetasche schlug bei jedem Schritt gegen ihren Oberschenkel, aber sie ließ sich nicht davon beirren.

  Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass der Fahrer ihr folgte. Sie hörte ihn näherkommen, meinte, seinen Atem in ihrem Nacken zu spüren. Was sollte sie tun? Wohin gehen? Panik stieg in ihr auf und Hannah kämpfte verzweifelt dagegen an.

  Ruhig, ganz ruhig! Es half nicht, wenn sie kopflos wurde. Was sagte ihr Vater immer? Wenn man keine Chance hatte, sollte man verdammt noch mal genau die nutzen. Und den Nachteil zum Vorteil umkehren.

  Hannah nahm all ihren Mut zusammen und blieb abrupt stehen. In einer fließenden Bewegung drehte sie sich um und riss sich die Umhängetasche von der Schulter. Sie verfing sich zwischen den Beinen ihres Verfolgers und er strauchelte, ehe er stürzte. Selbst von hier roch sie, dass er nach Alkohol stank.

   All das geschah in Bruchteilen von Sekunden. Hannah rannte an ihm vorbei weiter in die andere Richtung, hin zu seinem Auto. Die Tür des Wagens stand offen und der Motor lief. Das war ihre Rettung! Sie sprang hinter das Steuer. Ihr Verfolger hatte sich aufgerappelt und rannte auf sie zu. Hannah langte nach der Gangschaltung und drückte den linken Fuß nach unten.

   Doch was war das? Sie trat ins Leere.

  Einen Moment sah sie sich um, während ihr linkes Bein hektisch im Fußraum herumstocherte. Mit der rechten Hand versuchte sie verwirrt, den Ganghebel zu betätigen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals und ihr Atem ging stoßweise. Sie warf einen Blick nach draußen. Ihr Jäger war nur noch wenige Meter vom Auto entfernt.

Tränen der Panik und der Verzweiflung stiegen ihr in die Augen und ließen sie blind werden, als sie erkannte, dass sie es mit einer Automatikschaltung zu tun hatte. Ein verzweifelter Schrei löste sich von ihren Lippen.

  Das dickliche Gesicht zu einer wütenden Fratze verzerrt, fasste der Mann ins Wageninnere und packte sie am Hals. Ihr Schrei verstummte augenblicklich. Hannah zappelte und schlug um sich, konnte gegen den Mann aber nichts ausrichten. Dann spürte sie einen feuchten Lappen auf ihrem Mund. Sie hielt die Luft an. Panisch suchte sie nach einem Ausweg. Nur ja nicht einatmen!

  »Nun mach schon!«, stieß der Typ zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er drückte ihren Kopf mit dem Lumpen über Mund und Nase ins Polster des Wagens.

Hannah zögerte es hinaus bis zum letzten Moment, während sie noch immer um sich trat. Aber er hielt sie umklammert wie in einem Schraubstock.

  Sie kämpfte gegen sich selbst, weigerte sich, Luft zu holen. Dann setzten die Reflexe ihres Körpers ein und zwangen sie, Atem zu schöpfen. Sie sog Luft in ihre brennenden Lungen. Erst wenig, dann immer mehr. Gleichzeitig verstärkte sich der Schwindel und ihre Beine zappelten unkontrolliert hin und her, ehe sie ihr den Dienst versagten.

  Ein zufriedenes, fieses Grinsen unter einer Baseballkappe war das Letzte, was Hannah wahrnahm. Dann senkte sich Dunkelheit herab und riss sie mit.