Prolog

 

   Ich weiß, dass ich Ärger bekomme. Der Puls pocht in meinem Hals. Ich darf nicht hier sein.

   Aber ich habe Papa so lange nicht gesehen und Sehnsucht nach ihm. Nach seinen Armen, die mich drücken, seinem stoppeligen Gesicht, wenn er mir einen Kuss auf die Wange gibt. Und nach seinem Lächeln.

   Leise Stimmen dringen aus seiner Garderobe. Er muss das Radio laufen haben. Es ist nicht seine Art, sich vor einem Auftritt ablenken zu lassen. Normalerweise braucht er Ruhe und möchte allein sein. Nicht einmal seine Familie will er um sich haben.

   Aber mein Verlangen nach einer kleinen Aufmerksamkeit ist zu groß, als dass mich das kümmert. Ich weiß, dass er ähnlich denkt. Immerhin haben wir uns fast drei Monate nicht gesehen, nur telefoniert. Das ist nicht dasselbe.

   Ich lächle in mich hinein, als ich mir sein Gesicht vorstelle, wenn er mich sieht, und schleiche näher an die Kabine heran. Die Stimmen werden lauter. Eine gehört Papa, die andere ist mir fremd. Hat er Besuch? Ein Fan? Sein Manager?

   Was wird er Augen machen, wenn er mich sieht! Ich gebe der Tür einen Schubs und betrete den Raum auf Zehenspitzen.

   In diesem Moment verändert sich etwas. Ich kann es nicht greifen. Es ist ein Gefühl der Bedrohung, das mich wie ein Nebel einhüllt. Instinktiv suche ich Schutz hinter dem Kleiderschrank, der im Flur steht. Ich fröstle in meinem kurzen Rock und dem dünnen T-Shirt, obwohl es draußen sommerlich warm ist.

   »Das ist nicht dein Ernst!«, höre ich die fremde Stimme sagen. Sie ist erfüllt von Ungläubigkeit, klingt drohend.

   Mein Herzschlag beschleunigt sich.

   »Mein voller Ernst.« Die Stimme meines Vaters. Ruhig und gelassen.

   »Ich dachte, wir hätten einen Deal.«

   »Existiert nicht mehr. Ich habe es mir anders überlegt.« Wieder mein Vater. Es ist beruhigend, ihn zu hören. Eine Festung im Sturm.

   »Anders überlegt! Wenn ich das schon höre!« Eine Pause entsteht. Dumpfe Schritte, das Geräusch vom Teppichboden beinahe verschluckt. »Hör mal, so geht das nicht. Du bist mir etwas schuldig.«

   »Ich? Dir? Sicher nicht!« Mein Vater klingt spöttisch. Wie ich ihn kenne. Dafür liebe ich ihn. Nichts ist so schlimm, dass es ihn aus der Bahn werfen könnte.

   Ich zaubere ein Lächeln auf mein Gesicht. Gerade will ich hinter dem Schrank hervortreten, als sich der Ton wieder verschärft.

   »Steck das Ding weg!« Mein Papa.

   Ich spüre, wie mir die Panik den Rücken hinaufkriecht, ducke mich beim Klang seiner Stimme. Sie macht mir Angst. Er hat Angst.

   »Das werde ich nicht tun. Überleg es dir noch einmal. Du hast eine Familie, Kinder.«

   »Lass meine Familie aus dem Spiel!« Er wird lauter. »Und jetzt mach, dass du hier rauskommst. Ich will dich nicht mehr sehen. Hörst du? Nie wieder will ich deine Visage sehen!« Stuhlfüße schaben über den Boden, das Geräusch gedämpft. Er muss aufgestanden sein. »Und wenn ich dich auch nur in der Nähe meiner Familie erwische, wirst du mich kennenlernen.«

   Die Worte stehen im Raum. Die lastende Bedeutung ist selbst mir bewusst, obwohl ich den Inhalt nicht verstehe. Ich beiße mir auf die geballte Faust.

   »Du weißt zu viel.« Die fremde Stimme klingt kalt.

   Dann zerreißt ein Knall die Stille. Ich zucke zusammen, unterdrücke den Aufschrei, der sich durch meine Kehle einen Weg bahnt, und beiße noch einmal in meine Hand, bis es schmerzt. Es schluckt den Schrei, der mir

im Hals steckt.

   Einen Moment herrscht Stille, ehe ein dumpfer Laut den Raum ausfüllt. Der Widerhall des Schusses dröhnt in meinem Kopf.